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Legende von der Schaffung der Altenpflegerin

Eines Tages, als in den himmlischen Räumen mal wieder Hochbetrieb herrschte, suchte Petrus Gott und fand ihn in der Werkstatt. Gott formte gerade aus einem Lehmklumpen einen neuen Menschen, nahm hier etwas weg, fügte dort etwas hinzu, trat dann prüfend zurück, rieb sich das Kinn, murmelte vor sich hin und begann dann erneut konzentriert an der Figur zu arbeiten.

Petrus sah fasziniert zu. Sein eigenes Anliegen hatte er völlig vergessen. „Herr, was machst Du da?“ wollte er wissen. „tja, weißt Du, die Menschen auf der Erde brauchen etwas Neues, eine Fachkraft für Altenpflege.“ war die Antwort. „Und wozu?“ fragte Petrus nach.

„Früher wurden die alten Menschen, man nennt sie jetzt übrigens Senioren, in den Familien gepflegt. Aber heutzutage gibt es kaum noch Mehr-Generationen-Häuser und viele kinderlose Senioren. Die anderen haben zwar Kinder, aber die können oder wollen die Pflege der Eltern nicht übernehmen. Diese pflegebedürftigen Menschen werden in Heimen betreut und dafür braucht man qualifiziertes Personal.“

„Das verstehe ich. Aber was macht die Sache so schwierig?“ lautete die nächste Frage von Petrus.“ Siehst Du diesen Anforderungskatalog?“ Gott zeigte einen eng beschriebenen Bogen und begann zu lesen:

Eine gute Pflegekraft muss körperlich so fit sein, wie ein mehrfacher Olympiasieger. Schließlich muss sie auf die Rufanlage reagieren wie Emil Zattopek auf den Startschuss und sie soll so stark sein wie Pippi Langstrumpf, denn nicht alle Pflegebedürftigen werden Leichtgewichte sein. Auf die Bedürfnisse und Stimmungen der Bewohner soll sie sensibel wie ein Geigerzähler reagieren, für Gespräche mit Bewohnern und Angehörigen wird eine Fachkraft manchmal das Verhandlungsgeschick eines ganzen diplomatischen Corps benötigen und bei der Anleitung von Pflegeschülern oder neuen Mitarbeitern wären die pädagogischen Fähigkeiten von Heinrich Pestalozzi sicher nicht von Nachteil. Die Medikamentenkenntnisse einer Pflegefachkraft sollen denen eines Apothekers gleichen, der sein Examen mit „summa cum laude“ gemacht hat und in Rechtsfragen soll sie es mit einem Richter am Bundesverfassungsgericht aufnehmen können. Bei Gesprächen mit Sachbearbeitern von Kranken- und Pflegekassen muss die Spitzenpflegekraft die Beharrlichkeit einer ganzen Herde texanischer Rinder an den Tag legen können. Eine Pflegekraft darf zwar keine Diagnosen stellen, sollte aber über Krankheitsbilder fast so gut Bescheid wissen wie ein Arzt.

Außerdem braucht eine Pflegekraft mindestens sechs Hände. Zusätzlich zur Grundpflege wartet noch allerhand Arbeit auf die Fachkraft. Sie muss eine subkutane Injektion geben, einen weinenden Heimbewohner trösten, Medikamente vorbereiten und verteilen, Essen reichen, dem Pflegeschüler eine Dekubitusversorgung zeigen, dabei die Lagerungspläne kontrollieren, eine Pflegedokumentation schreiben, sich telefonisch nach den Laborwerten einer Heimbewohnerin erkundigen, nebenbei eine Medikamentenbestellung faxen und mit den zusätzlichen Augen am Hinterkopf bemerken, dass eine demente Bewohnerin wieder einmal weglaufen will und versuchen, sie daran zu hindern. Dann ist ein Katheder zu wechseln, Termine für Arztbesuche, Krankengymnastik und ähnliches sind zu koordinieren, ein eingestuhlter Bewohner soll geduscht und umgezogen werden und der Dienstplan muss auch noch fertiggestellt werden. In der Rezeption warten Angehörige auf ein Gespräch wegen einer Pflegevisite und der MDK hat sich ebenfalls angekündigt. Pflegepläne sollen aktualisiert und die Arbeitspläne dann daran angepasst werden, der Arzt ist zur Visite gekommen und benötigt Assistenz für eine Infusion. Im Terminkalender stehen außerdem noch einige Wundpflegevisiten.
Die täglich fälligen Verbandwechsel sowie die anstehenden internen und externen Fortbildungen brauchen gar nicht erwähnt zu werden.

Dabei sind möglichst immer zwei oder noch besser drei Dinge auf einmal zu erledigen, denn die große Faust „Uhr“ wird den Pflegekräften immer im Nacken sitzen. Die Mundwinkel dürfen nie nach unten hängen; „keep smiling“ heißt die Devise. Deshalb brauchen gute Pflegekräfte einen breiten Rücken, damit aller Ärger mit uneinsichtigen Bewohnern, zu Unrecht nörgelnden Betreuern, sowie pampigen Sachbearbeitern von Sozialämtern und Pflegekassen, dem abgestürzten Computer oder anderen technischen Pannen daran abgleitet wie ein Spiegelei aus einer Teflonpfanne.

Dazu gehören Schicht- und Wochenendarbeit; und auch an den Feiertagen müssen die alten Menschen versorgt werden. Weil das Gehalt nicht gerade üppig sein wird, ist eine große Portion Idealismus gefragt. Das liebevolle Verständnis für die Gebrechen und die kleinen und großen Marotten der Senioren sowie für ihre Stimmungsschwankungen ist sowieso Voraussetzung.

„Ganz schön happig“ lautet der Kommentar von Petrus. „Ja, es war wirklich nicht einfach. Aber ich habe es geschafft. dort sitzt meine „Fachkraft für Altenpflege“. Stolz zeigte Gott auf die fertige Figur.
In diesem Moment löste sich aus deren Auge eine Träne. „Ich ahnte es ja schon während Deiner Ausführungen. Das ist auch für Dich zu schwierig. Die kann nicht funktionieren. Die ist ja jetzt schon kaputt“, glaubte Petrus zu wissen.
Gott lächelte und antwortete:“Das ist kein Defekt! Das ist eine Träne. Techniker nennen das Überdruckventil. Es ist nötig, weil die Menschen in diesem Beruf immer unter großen Druck stehen werden“.