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Pferde und Affen
H. Haußmann 2002
Bei der Evolution ist das Pferd entstanden, ein Tier, das phantastisch an bestimmte Umweltbedingungen angepasst ist, fast so wunderbar wie das Kamel an die Wüste. Aber dann ist – auch durch Evolution – eine Affenart entstanden, die eine ganz rasante Evolution durchlaufen hat. Diese Affen wurden immer schlauer und immer schneller schlauer. Sie fingen die meisten Pferde ein und fraßen sie. Außerdem gelang es ihnen, ein paar wenige, die wohl einen leichten Defekt hatten, einzusperren, sie an die Gefangenschaft zu gewöhnen und sie dazu zu bringen, alle möglichen Arbeiten zu tun oder mit ihnen in den Krieg zu ziehen.
Mit der Zeit gab es nur noch diese gefangenen Pferde. Die intelligenten Affen nannten sie „Hauspferde“, weil sie sie in bestimmten Gegenden, wo es viel regnet, in Häusern hielten. Die intelligenten Affen vermehrten sich ungeheuerlich auf der Welt. Sie besiedelten alle Länder und Kontinente, Wüsten, Wälder und Gebirge fuhren über alle Meere und später sogar durch die Luft. Sie bauten überall Pflanzen an in Reih und Glied, sie durchzogen alles Land mit Straßen und Eisenbahnlinien. Da war kein Platz mehr für wilde Pferde. Nur in Afrika gibt es an einigen Stellen noch wilde Zebras und in Amerika und Australien noch einige frei lebende Hauspferde. Aber sie sind alle gut unter der Kontrolle der besagten allgegenwärtigen Affenspezies.
Die Pferde hatten nun nicht mehr die Umweltbedingungen, an die sie die Evolution angepasst hatte. Sie hatten nicht mehr so viel Zeit zum Fressen, denn sie mussten täglich lange arbeiten und sollten in den Pausen schnell fressen. Manche sind daran gestorben. Aber die meisten haben es ganz gut überstanden, weil sie sich viel bewegen mussten, und das entsprach ja ihrer ursprünglichen Lebensweise.
Aber es kam dann wieder ganz anders. Die intelligenten Affen erfanden Maschinen. Sie brauchten die Pferde nicht mehr zum Arbeiten oder für den Krieg, nur noch für Spielereien und auch das nur noch selten. Jetzt, wo die Bewegung wegfiel, wurden viele Pferde krank. Die Affen verstanden aber nicht so recht, woran das lag, und fütterten die Pferde mit allen möglichen sonderbaren Mittelchen. Die Pferde fraßen das Zeug, aber es half nicht viel, manchmal ging es ihnen dadurch sogar noch schlechter.
Viele Pferde wurden sehr traurig. Einzeln wurden sie in Boxen gehalten und mussten warten und warten und warten. Dann kam ein einzelner Affe und wollte ihr Kamerad sein. Na ja, manchmal ging das ganz gut, manchmal weniger. Meistens war die Sache sehr eintönig, immer im Kreis herum in einer Halle. Mal linke Hand, mal rechte Hand – stinklangweilig. Manchmal wollte der Affe mit dem Pferd und einem Ring spielen oder andere sonderbare Späße machen. Das war in der Evolution der Pferde nicht vorgesehen. Es ist nur gut, dass die Evolution die Pferde sehr unterordnungsfähig gemacht hat. Mit Kühen oder Ochsen könnten die Affen das nicht machen. Die legen sich einfach hin, wenn es ihnen zu dumm wird, und stehen so schnell nicht wieder auf.
Leider ist sie vorbei, die Zeit der harten Arbeit. Das war ein ganz anderes Leben! Frühmorgens schon gab es eine satte Mahlzeit im Stall, während die Kühe gemolken wurden. Dann wurde eingespannt, nicht einzeln meist, sondern zu zweit. Ein Pferd will nicht allein sein. Stolz ging es hinaus in die Morgenfrische, wo es noch keine Bremsen gab. Weit konnte man über die Felder sehen und häufig begegnete man den bekannten Gespannen der anderen Bauernhöfe. Zuerst wurde frisches Gras oder Klee geholt. Da konnte man während des Aufladens gleich wieder kräftig futtern.
Meist hat die Arbeit des Tages Spaß gemacht. Oft wurden weite Wege zurückgelegt. Das war immer interessant, schließlich ist das Pferd ein Fernwanderwild. Immer wieder wurden dieselben bekannten Wege gegangen, fast wie in der Wildbahn, wo man auch die bekannten Wechsel benutzt. Ja, manchmal war die Arbeit hart, manchmal sogar eine Schinderei. Oft war die Brust schwarz vor lauter Bremsen und wenn der Bauer mit der Hand darauf schlug, tropfte das Blut auf die Erde. Noch schlimmer erging es den Pferden, denen man den Schweif kupiert hatte. Das stinkende Bremsenöl half nur für kurze Zeit. Beim Heuaufladen mussten die Kinder bei uns Pferden stehen und mit Kirsch- oder Haselnusszweigen „den Bremsen wehren“. Sogar ein Kessel mit einem rauchenden Feuer wurde von einigen Bauern unter den Wagen gehängt, um die Bremsen zu vertreiben. – Aber je härter die Arbeit, desto besser schmeckte das Futter, um so mehr freute man sich auf dem Heimweg auf den Stall, wo die Bremsen schon unter der Türe abließen und wie der Blitz wieder hinausschossen. Das Wasser gab es am Brunnen, kühles ruhiges Wasser, nicht das Wasser, das einem kalt in die Nase spritzt.
Und das Leitpferd war immer dabei, wenn auch nicht in Gestalt eines richtigen Pferdes sondern in der Gestalt eines Leitaffen. Aber der war immer da, auf ihn war Verlass. Nicht wie heute, wo er mal kommt und mal nicht, wo mal dieser kommt und mal jene. Er kannte jeden Weg und Steg und in brenzlichen Situationen wusste er immer einen Ausweg. Dann führte er das Sattelpferd am Kopf und so ging es weiter. Man brauchte nie Angst zu haben. Das ist sehr wichtig für ein Pferd. Selbst wenn er einmal böse wurde, war das nicht so schlimm. Man musste sich halt unterordnen und das kann ein Pferd – solange man es nicht misshandelt.
Heute ist das oft nicht mehr so, manchmal hat das Leittier Affe in einer unbekannten Situation dieselbe Angst wie das Untergebene Pferd. Und ein Pferd, das Angst hat und nicht beruhigt wird, zeigt dann seine Eigenschaft als Fluchttier.
Und das Wichtigste zum Schluss: Es war den Pferden nie so langweilig wie heute. So elend langweilig!
Nein, noch etwas:
Früher saßen die Affen auf den Bäumen und wir Pferde brausten durch die Weiten der Steppen und Prärien. Heute brausen die Affen durch die Luft und wir sitzen in Einzelhaft in Käfigen. Was ist da schief gelaufen? Die intelligenten Affen nennen es „Evolution“.