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Entstehungszyklus eines neuen Produkts
Wie würden IBM und Microsoft einen Regenschirm produzieren

Codename: UMBRELLA

Produktspezifikation:
Multifunktionale, integrierte, benutzerfreundliche, kostengünstige, mit System- und Architekturkonzepten versehene „Solution“ zur Abwendung von Feuchtigkeitseinwirkungen und sonstigen Umwelteinflüssen auf menschliche Köpfe und andere Körperteile.

Marketingspezifikation:
Get hold of it! Now!

Kapitel 1: IBM baut einen Regenschirm

Pre-Version:

Typ:
Haselnußstock (Aufgrund der strikten Geheimhaltung kann man die Form des Produktes nur ungefähr erahnen).

Beta-Version:

Ca. 1×1 Meter große Plastikplane mit ca. 320 Seiten technischer Anleitung.

Golden Version:

Hochglanzprospekt, sonniger Wetterbericht und ca. 4-15 Monate Postponement of GA (General Availability).

Release 1.0:

Gestell ohne Bespannung, Mechanismus funktioniert leidlich – entfaltet sich mühelos, macht jedoch Probleme beim Zusammenfalten; Handgriff wird als extra Feature (eigene Bestellnummer) angeboten.

Release 1.1:

Gestell ohne Bespannung, vollintegrierter Handgriff. Mechanismus funktioniert problemlos, Entwicklung lobt das durchdachte Design, Marketing betont die universelle Verwendbarkeit. An der Reduzierung des Gewichts von 18,9 kg soll in einer der nächsten Releases gedacht werden. Die Öffnungszeit des Mechanismus beträgt derzeit ca. 12,5 Minuten, bedingt durch die hypermoderne Mikroskalar-Hydraulik, die zum ersten Mal weltweit in einem Produkt dieser Art verwendet wird. Man wird an der Performance arbeiten.

Release 2.0:

Meilenstein in der Entwicklung: Das Produkt wird mit vollständiger (!) Bespannung ausgeliefert. Einziger Kritikpunkt der Kunden: Man möge doch wasserdichten Stoff zur Bespannung verwenden.

Release 2.1:

Bespannung ist nun wasserdicht, allerdings kann man jetzt den Mechanismus nicht mehr öffnen. Marketing überlegt, das Produkt als Sonnenschirm zu positionieren; Development überlegt, als funktionale Erweiterung einen dazupassenden Lederbeutel zu entwickeln. Als zweite Variante wird überlegt, einen Business-Partner unter Vertrag zu nehmen. Dieser kann zwar momentan auch kein passendes Produkt liefern, verspricht aber, einen Wettertanz zur Abwendung von stärkeren Regenfällen zu betreiben.

Release 2.2:

Dazu passender Lederbeutel wird entwickelt. Marketing preist das architektonische Konzept eines nicht öffnenden Schirms mit dem dazu passenden Lederbeutel an; ein offener Schirm würde ja schließlich nicht in diesen hineinpassen, oder?

Release 3.0:

Upgrade auf ein voll funktionsfähiges Modell mit wasserundurchläßiger Bespannung. Lederbeutel paßt von der Dimension nicht und muß neu erworben werden.

Release X.X:

Development verteidigt sich nach wiederholten Angriffen mit der Bemerkung, daß das Produkt mehrere Testzyklen durchlaufen habe und alle involvierten Tester keinerlei funktionale Mängel feststellen konnten.

Finale:

Die Produktentwicklung wird vom Labor in Saudi Arabien zu einem Labor in der Nähe von London verlegt.

Kapitel 2: Microsoft baut einen Regenschirm

Phase 1:

Ankündigung der voraussichtlichen Verfügbarkeit etwa gegen Ende des Sommers, gerade recht für die Nutzungszeit. Einführung eines Beta-Programms gegen Anfang Frühjahr, um in der vorsommerlichen Übergangszeit Testberichte von den verschwiegenen Erstbenutzern (NDA) zu erhalten. Beta-Unkostenbeitrag für Fixes und Updates „deutlich unter 1.000 US$“, laut Marketing-Sprecher Steve Ballmer. Entwicklungslizenzen für Zusatzprodukte werden an ausgewählte Häuser vergeben.

Phase 2:

Broadcasting „Microsoft – a dry Future“, ein Informationsvideo, in dem Chairman Bill Gates auf einer Terrasse in Hawaii die Vorteile eines regenlosen Lebens anpreist. Aufgreifen der Idee durch den Marketing Direktor, der das neue Produkt unter dem Decknamen „Sahara“ neu positioniert: „Sahara“ wird keinesfalls nur Regen abweisen, nein, es wird Regen prinzipiell verhindern. Sonnenschein instant, sozusagen. Mehr als 50.000 Kopien des VHS-Video werden zum Stückpreis von 30 US$ in nur zwei Tagen weltweit abgesetzt.

Phase 3:

Die Beta wird, mangels eigener Ideen und Ressourcen, von einem unbedeutenden Dritthersteller zugekauft und besitzt einen dem IBM-Design nicht unähnlichen geraden Stiel mit gebogenem Handgriff und einem mechanisch verriegelten, aufspannbaren Stoffdach aus wasserabweisendem Synthetik-Material. Die erste Beta wird an einen ausgewählten Personenkreis, vornehmlich arabische Ölscheichs oder indische Gurus, gegen einen Kostenersatz von 1.100 US$ ausgeliefert. Steve Ballmer nennt die Gründe für die Erhöhung des Unkostenbeitrages mit gestiegenen Kosten der Logistik und die teuren, aber vollständigen Handbücher. Schon mit der ersten Beta werden alle 43 Bände des kompletten Handbuchs mitgeliefert – alles in allem imposante 32 kg Literatur zu diesem Thema. Darin wird auch der MSS, der Microsoft Sunshine Standard, umfassend spezifiziert. Als Sonnenschein gilt demnach jede Wetterlage mit weniger als 98% Luftfeuchtigkeit über dem 30ten Breitengrad. Tests mit der Presse (RS Magazine, Blop, Umbrellas allen voran) in der Wüste Gobi verlaufen eindrucksvoll und können unter dem Beisein von Regierungsvertretern und zahlreichen Managern der „Fortune 500“-Companies in der Salzwüste von Utah erfolgreich wiederholt werden. Sogar der ORF berichtet von dieser sensationellen Entwicklung und zeigt einen österreichischen Entwickler, der in Los Angeles, CA, USA, an einem Zusatzprodukt feilt: Ein Flaschenhalter, mit dem der Besitzer des Modells „Sahara“ eine 2l Umweltflasche Coke, Fanta oder Sprite am Stiel befestigen und durch ein Röhrchen mit Saugsensor trinken kann.

Phase 4:

Die Auslieferung des zweiten Beta-Drop beginnt. Das Wort Drop wird durch „ray“ ersetzt, in dem Produkt soll jede Assoziation an Nässe eliminiert werden. Die Verbesserungen sind einmalig: Das Synthetik- Material wird durch umweltfreundliche Hanfwebsorten ersetzt, das dadurch geringfügig höhere Gewicht durch eine mechanische Übersetzung (Schraubspindel) kompensiert. Da das Tragen am veralteten Griff auf die Dauer mühsam ist und die ergonomische Belastberkeit des Trägers einschränkt, wird der Stiel bis zum Boden verlängert und ein Rad montiert. Die Beta-Tester in Süd-Marokko und Mamwak Zimbel, einem israelischen Kibuz, sind durch die Verbesserungen aus dem Häuschen. Der MSS wird durch den AMSS, den Advanced MSS, ergänzt. Darin wird Sonnenschein nunmehr abstrakter behandelt, es gilt auch Nacht als Sonnenschein, wenn die Luftfeuchtigkeit unter 98% liegt. Eine Erweiterung wurde von der Presse besonders begrüßt: Die Regelung nach Breitengraden entfällt vollständig, damit kann auch am Aquator bei weniger als 98% Luftfeuchtigkeit von „Sonnenschein“ gesprochen werden. Microsoft spricht nicht ausdrücklich von Sonnenschein, sondern verwendet den Terminus „unnasse Witterungsbedinungen“ oder, englisch, „unwet cir-cumstances“, kurz UWC. UWCs werden nach Microsoft in Milliwonk per Square Inch (MWPI) gemessen, ein geeignetes Meßgerät wird ab sofort ausgeliefert. Nässe kann damit eindeutig bis zu einer Genauigkeit von +3, -1 Milliwonk festgestellt werden.

Phase 5:

Inzwischen ist es November, alle Welt giert nach dem Sonnenspender und es werden Bestellformulare mit beigeschlossenem Erlagschein in allen Postämtern Mitteleuropas aufgelegt. In Osteuropa wird das Produkt in landesspezifischen Versionen später erhältlich sein. Durch die weitgehenden Beta-Tests im „third ray“ ist es klar geworden, daß man besser drei Räder verwendet und der Aufklappmechanismus besser mit einem Elektromotor versehen wird. Das ähnelt zwar dem IBM-Konzept, die drei Räder sind jedoch ein Meilenstein und daher wird die Konstruktion patentiert. Bill Gates selbst entdeckt, daß durch Anbringen eines Dynamo an den Rädern die Reichweite deutlich erhöht werden kann – in ersten Prospekten ist von „bis zu 10.000 Öffnungszyklen“ die Rede, später wird auf 15.000 Zyklen korrigiert.

Phase 6:

Die Auslieferung verzögert sich ein wenig, da es schwieriger als erwartet ist, die Öffnungszeit unter den Wert des inzwischen gereiften IBM-Produkts zu drücken. Außerdem hat inzwischen Novell ebenfalls ein ähnliches Produkt angekündigt, was von Steve Ballmer mit den Worten „wir sind unzweifelhaft Marktführer“ bei einer Pressekonferenz beantwortet wird.

Phase 7:

Da sich die Auslieferung doch noch wegen der verlängerten Beta 4-Phase verzögert, wird allen bisherigen Bestellern ein Hochglanzprospekt von ausgewählten Reisezielen zugesandt, an denen sich die Kunden das bereits erworbene Produkt aus der Nähe ansehen und auf die Leistungsfähigkeit testen können. Mehr als 70% der Kunden nutzen das Angebot und buchen den Trip, entweder nach Fort Worth, Texas, Death Valley, CA oder Gnakonoko im nördlichen Australien. Microsoft kauft weitere Aktien der beteiligten Fluglinie, der Sheraton- und Hilton-Kette und des Reisebüros „Uniglobe“. Börseninsider kaufen vermehrt Microsoft-Aktien, der Kurs steigt um zehn Punkte, die Washington Post widmet Microsofts neuem bahnbrechenden Produkt einen Leitartikel.

Phase 8:

Im Juni wird „Sahara“, inzwischen „Planes 2.1“ genannt, in Stückzahlen ausgeliefert. Begeisterungsstürme folgen den ersten Tests des Release, Tausende Urlauber berichten ab Mitte Juli von der tollen Funktionalität. Praktisch keine Fälle von schweren oder gar lang dauernden Regenfällen haben die Verwender von Planes 2.1 ereilt. Ab Mitte August wird Planes 2.11 gegen einen kleinen Unkostenbeitrag ausgeliefert, die Verbesserungen sind in den Details offensichtlich. Ab Version 2.11 werden die Kabel zum Elektromotor nicht mehr außen am Stiel, sondern innen im nunmehr hohlen Bambusstock geführt. Die Batterien werden auf leichte 4 kg reduziert, die Laufbreite der Räder um 0,5 cm erhöht, um ein Einsinken im Sand an den Urlauberküsten zu vermeiden. Ein großartiges Presseecho dankt die unerwartete Verbesserung, der Leitartikel von „RS Magazin“ spricht von sensationeller Kundenfreundlichkeit, das auf „Planes“ umbenannte Magazin sieht in Version 2.11 die ultimative Lösung aller Probleme so trister Landstriche wie London, Irland oder Seattle. Bill Gates wird mit seiner Frau von Paparazzi am Strand von Honolulu in grellem Sonnenschein erwischt.

Phase 9:

Ab September werden doch einige Probleme mit der Zuverlässigkeit gemeldet. Deutsche Touristen berichten von grauenhaften Wolkenbrüchen an der portugiesischen Atlantikküste, US-Bürger wollen in Florida wolkenbruchartig eingeregnet worden sein, kanadische Leserbriefe sprechen von vollkommener Wirkungslosigkeit des Produkts. Steve Ballmer beruft sich vor der Presse auf die unbestrittene Marktführerschaft und präsentiert die neuesten Verkaufszahlen, die Anfang September alles bisher dagewesene überholt haben. Im Lichte dieses ungestümen Drangs ist sich die Presse einig, daß die nörgelnden Deutschen, die immer mißlaunigen New Yorker und die futterneidischen Kanadier wohl nicht begriffen hätten, wie „Planes 2.11“ korrekt zu verwenden ist und weisen in langen, detaillierten Serien auf den Einsatz in Gegenden wie Süd-Burrundi oder auch Tikuakua nach. Die Verkaufsziffern klettern unbarmherzig, es wird November.

Phase 10:

Mitte November flachen die Ziffern ein wenig ab, doch Steve Balmer hat schon einen neuen sensationellen Coup zu verkünden: Ab sofort liefern alle führenden Sonnenöl-Fabrikanten „Planes 2.11“ im Bundle aus, um so den potentiellen Kunden vor UV-Schäden zu schützen. Die Londoner Zeitung „The Daily Mirror“ schreibt einen etwas sarkastischen Artikel, die Börsenkurse steigen. Bill Gates wird vom Präsidenten der USA beauftragt, ein Konzept weltweiten Sonnenscheins auszuarbeiten. Das „Planes 2.11 Bundle mit UV 20“ wird der Weihnachtshit des Jahres, kurz nach Nikolaus sind die Läden praktisch ausverkauft. Wer etwas zu schenken hat, schenkt „Planes 2.11 mit Sonnencreme“.

Phase 11:

Die bereits deutlich gewordenen Probleme in tiefem Morast und in Regionen mit mehr als 30 mm Niederschlag pro Jahr und Quadratfuß geben Anlaß zur Ankündigung einer neuen Weiterentwicklung: Planes DF, wobei DF für „dry feet“ steht. Damit würde, so teilt Steve Ballmer mit, der endgültige Sieg im Kampf gegen die sinnlose Benetzung von oben durch mehrere Abweis-Methoden von vorneherein ausgeschlossen werden. Man habe, so Ballmer, die wichtigsten Kritikpunkte analysiert und im neuen Design berücksichtigt: Neben einer Vergrößerung der Schutzfläche und einer Verstärkung des Materials wird der Griff statt aus Bambus in Zukunft aus Gußeisen gefertigt. Das damit höhere Gewicht wird durch eine Heliumfüllung einerseits und verbreiterter Räder andererseits kompensiert, so daß die neuen Modelle deutlich leichter bedienbar sein würden. Für den Fall, daß die absolute Regenlosigkeit doch nicht erreicht werden kann, weil jeder Benutzer eben Fehler macht, wird ein fehlertolerantes System eingeführt, durch das bei Eintreten von Nässe von der Seite oder von oben automatisch an den Außenrändern Zeltplanen herabgerollt werden, die je nach Träger exakt bis zum Boden abgerollt würden. Ballmer weiter: „Damit ist in Zukunft nicht nur die absolute Regenlosigkeit, sondern auch der Schutz vor Feuchtigkeit aus jeder Ebene garantiert. Das „Plane dry feet“-Produkt eignet sich aufgrund der Größe des Schutzschirmes bestens für Menschengruppen bis zu Kompaniestärke und wird durch eine Verbesserung des weiterhin vertriebenen Basisprodukts „Planes 2.11 for crowds“ koppelbar, so daß mehrere tausend Personen vollkommen ungenäßt miteinander denselben Weg lustwandeln können werden“. Die technischen Spezifikationen werden vorgestellt und sind mehr als imposant: Weit über 70 m Spannweite, ein Nettogewicht (ohne Batterien) von rund 400 kg, drei Elektromotoren von je 30 kW und fünf statt der bisher zwei Räder der Dimension 345 VR 15. Auf die Hochgeschwindigkeitsspezifikation der Reifen angesprochen meinte Ballmer, daß es bei manchen Kunden erwünscht gewesen wäre, auch Laufgeschwindigkeiten jenseits von 215 km/h zu erreichen und deshalb ein komplettes Re-Design der Tragekonstruktion gemacht werden müsse. Das Beta-Programm startet diesen März …